Rückblick · erstellt am · Rennen vom 19. Juni 2005

GP USA 2005: Reifen-Farce in Indianapolis, nur sechs Autos am Start

Michael Schumacher siegte in Indianapolis vor Rubens Barrichello, doch nach dem Rückzug aller Michelin-Teams fuhren nur sechs Autos. Monteiro wurde Dritter.

Jackie Stewart im weißen Hemd und mit Schirmmütze spricht beim GP USA 2005 in der Boxengasse von Indianapolis mit Fans
Foto: Wikimedia Commons, RickDikeman (CC0)

GP USA 2005 in Kürze: Ferrari-Doppelsieg im Sechs-Autos-Rennen

Michael Schumacher gewann den GP USA 2005 vor seinem Ferrari-Teamkollegen Rubens Barrichello. Dritter wurde Tiago Monteiro im Jordan mit einer Runde Rückstand. Entschieden wurde das Rennen schon vor dem Start: Nach der Einführungsrunde bogen alle 14 Autos mit Michelin-Reifen in die Boxengasse ab. Auf dem Indianapolis Motor Speedway fuhren nur die sechs Bridgestone-Autos von Ferrari, Jordan und Minardi das Rennen.

Die Vorgeschichte: Reifenschäden in Kurve 13 von Indianapolis

Die Krise begann am Freitag im Training. Der Toyota von Ralf Schumacher brach in Kurve 13, der überhöhten letzten Kurve, plötzlich aus und schlug in die Betonmauer ein. Ralf blieb unverletzt, für ihn war es aber schon im zweiten Jahr in Folge ein schwerer Unfall an dieser Stelle. Er sagte damals: „The car suddenly got away from me without any warning in T13.“ Kurz zuvor war auch sein Ersatzmann Ricardo Zonta wegen eines Reifenproblems im Kiesbett gelandet. Toyota-Chefrenningenieur Dieter Gass vermutete bei beiden Unfällen einen Defekt am linken Hinterreifen (Quelle 5).

Michelin belieferte sieben Teams und konnte die Ursache nicht sofort finden. Der Hersteller erklärte, er könne die Sicherheit seiner Reifen nur für etwa zehn Runden garantieren, wenn die Autos in Kurve 13 nicht langsamer fuhren. Das Reglement von 2005 verbot Reifenwechsel im Rennen, außerdem war die Strecke kurz vorher mit einem raueren Belag neu asphaltiert worden (Quelle 2). Später kamen die Ingenieure zu dem Schluss, dass die ungewöhnlichen Quer- und Vertikalkräfte in der Steilkurve die Reifen verformt hatten (Quelle 3).

Streit um die Schikane: Warum die Michelin-Teams nicht starteten

Die Michelin-Teams schlugen eine provisorische Schikane vor Kurve 13 vor. Laut Motor Sport Magazine unterstützten auch Bernie Ecclestone und Streckenchef Tony George die Idee. FIA-Präsident Max Mosley lehnte ab: Die Schikane sei weder homologiert noch sicherheitstechnisch geprüft, die FIA könne vor einem US-Gericht haftbar werden, und sie sei unfair gegenüber den Bridgestone-Teams (Quelle 3). Renndirektor Charlie Whiting erklärte, mit einer geänderten Strecke würde das Rennen nicht mehr zur WM zählen (Quelle 2).

Bis kurz vor dem Start gab es keine Lösung. Für Toyota war das besonders bitter, denn Jarno Trulli hatte am Samstag die erste Pole-Position der Teamgeschichte geholt (Quelle 6). Neben ihm stand Kimi Räikkönen im McLaren, dahinter Jenson Button (BAR) und Giancarlo Fisichella (Renault). Schumacher startete von Platz fünf, Barrichello von Platz sieben. Nach der Einführungsrunde fuhren alle Michelin-Piloten an die Box, darunter auch WM-Spitzenreiter Fernando Alonso, Juan Pablo Montoya, Mark Webber und Nick Heidfeld von Williams, Takuma Sato, Felipe Massa und Jacques Villeneuve von Sauber, Zonta sowie David Coulthard und Christian Klien von Red Bull. Im offiziellen Ergebnis stehen alle 14 mit dem Status „Withdrew“ und null Runden. Jordan hatte laut Wikipedia zunächst einem Rückzug zugestimmt, sich aber in letzter Minute umentschieden (Quelle 2).

Rennverlauf: Schumacher gegen Barrichello beim Boxenstopp

Spannung gab es fast nur zwischen den beiden Ferrari. Schumacher führte ab der ersten Runde, Barrichello blieb dicht hinter ihm. Beim ersten Boxenstopp verlor Schumacher Zeit: Laut Crash.net stand er insgesamt 16 Sekunden, weil die Mechaniker den linken Hinterreifen kontrollierten, möglicherweise wegen Trümmern, die Zuschauer auf die Strecke geworfen hatten (Quelle 4). So übernahm Barrichello ab Runde 27 die Führung.

Ferrari gab Schumacher mehr Benzin mit und ließ ihn attackieren. Ab Runde 49 lag Schumacher wieder vorn. Nach seinem schnellen letzten Tankstopp kam es auf dem Weg zu Kurve 1 zur heiklen Szene des Tages: Schumacher beanspruchte die Ideallinie, und Barrichello musste aufs Gras ausweichen (Quellen 2, 4). Die Rennleitung untersuchte den Vorfall nicht (Quelle 2). Danach ordnete Ferrari an, die Autos sicher ins Ziel zu bringen. Schumacher gewann laut Wikipedia mit 1,522 Sekunden Vorsprung und fuhr auch die schnellste Runde (Quellen 1, 2).

Dahinter kämpften Jordan und Minardi. Schon am Start verteidigte sich Christijan Albers am Boxenmäuerchen gegen Narain Karthikeyan, und die beiden vermieden knapp eine Berührung. Während der Boxenstopps hatten Karthikeyan und Albers kurz Chancen auf das Podium. Monteiro lag aber den größten Teil des Rennens vorn und holte Platz drei (Quelle 4).

Gewinner und Verlierer des GP USA 2005

Gemessen an den Startplätzen gewannen die Hinterbänkler am meisten Plätze. Karthikeyan fuhr von Startplatz 19 auf Rang vier (15 Plätze gewonnen), Monteiro von 17 auf drei und Patrick Friesacher von 20 auf sechs (je 14), Albers von 18 auf fünf (13). Laut Crash.net holten Karthikeyan, Albers und Friesacher dabei ihre ersten WM-Punkte (Quelle 4). Monteiro wusste laut Crash.net nicht recht, was er von seiner unverhofften Chance halten sollte. Ferrari verzichtete auf die Champagnerdusche, und Schumacher und Barrichello verließen das Podium schnell (Quelle 4).

Die Verlierer waren in erster Linie die Fans. Sie buhten und pfiffen während des Rennens und warfen Bierdosen auf die Strecke (Quelle 3). Viele verließen laut Wikipedia schon nach wenigen Runden die Tribünen, und es wurden Rückerstattungen verlangt (Quelle 2). Sportlich traf es Trulli: Von der ersten Toyota-Pole blieb kein Ergebnis übrig.

WM-Stand nach dem GP USA: Alonso bleibt vorn, Ferrari holt auf

Weil kein Michelin-Fahrer punktete, blieb an der Spitze alles gleich: Alonso führte im WM-Stand 2005 mit 59 Punkten vor Räikkönen mit 37. Schumacher kam mit 34 Punkten zwei Plätze nach vorn auf Rang drei, Barrichello mit 29 Punkten drei Plätze auf Rang vier. Trulli (27) und Heidfeld (25) fielen dadurch auf die Plätze fünf und sechs zurück. In der Teamwertung lag Renault mit 76 Punkten vorn, Ferrari zog mit 63 Punkten mit McLaren gleich. Jordan hatte jetzt 11 Punkte, Minardi 7.

Einordnung: Ein Tiefpunkt der Formel-1-Geschichte

Für Schumacher war es laut Wikipedia der 84. Grand-Prix-Sieg (Quelle 2), aber kaum jemand feierte ihn. Crash.net sprach von einem hohlen Sieg (Quelle 4). Mit nur sechs Autos im Ziel stellte Indianapolis laut Wikipedia einen Negativrekord für große Formelrennen auf der Anlage auf (Quelle 2).

Die Folgen reichten weit über den Renntag hinaus. Der FIA-Motorsportweltrat sprach die Michelin-Teams Ende Juni zunächst teilweise schuldig, hob das Urteil im Juli aber wieder auf. Michelin bot den Zuschauern eine Erstattung ihrer Tickets an (Quelle 2). Einordnung aus späterer Sicht: Für Monteiro blieb es der einzige Podestplatz in der Formel 1, und für Jordan war es der letzte (Quelle 2).

Quellen

  1. Ergebnis und Daten GP USA 2005 – formel-1-livestream.de
  2. 2005 United States Grand Prix – Wikipedia
  3. Matt Bishop: F1's self-destruction at Indianapolis – inside the 2005 US GP – Motor Sport Magazine
  4. USA 2005: Schumacher's hollow victory – Crash.net
  5. Grand Prix of USA 2005 – Friday report – Toyota Gazoo Racing (Archiv)
  6. Trulli secures first pole for Toyota – Autosport

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